Retrospektive Neil LaBute
Zärtlichkeit als Waffe: Der Prophet der grausamen Liebe
Eine Zeit lang sah es fast so aus, als hätte Neil LaBute so etwas wie eine Heimat in Hollywoods Studiosystem gefunden. In den Jahren 2000 bis 2010 hat er mit »Nurse Betty«(2000), »Possession« (2002), »Wicker Man« (2006), »Lakeview Terrace« (2008) und schließlich »Death at a Funeral« (2010) eine ganze Reihe von Filmen für größere und kleinere Studios realisiert. Filme, in denen sein pessimistischer Blick auf die Menschen und ihre oft überaus (selbst-)zerstörerischen Impulse durchaus präsent sind. Und zumindest»Nurse Betty« hat zudem noch eine faszinierende andere Farbe in sein Œuvre gebracht.
Im Rückblick wirkt dieses Jahrzehnt dennoch wie ein Abweg oder eher noch wie ein Umweg. Ein Umweg, den LaBute wahrscheinlich sogar gehen musste. Nur so konnte er nach seinen frühen und letztlich überraschenden Erfolgen mit »In the Company of Men« (1997) und »Your Friends & Neighbors« (1998), der durchaus auch ein erster Schritt in Richtung der großen Studios war, seine wirklich einzigartige Stimme und Position innerhalb deszeitgenössischen Kinos finden. Und diese Stimme ist eben nicht die eines Auteur, im klassischen Sinne, also eines Filmemachers, der innerhalb des Studiosystems sich fremdes Material derart zu eigen macht, dass es zum Ausdruck seiner künstlerischen Sensibilität wird.
LaBute ist dieses Kunststück bei dem einen oder anderen Film durchaus gelungen. Insofern zeugen seine in den 2000er Jahren entstandenen Arbeiten schon von Auteur-Qualitäten.Doch das Versprechen, das in seinem überwältigenden Debüt lag, das er für gerade einmal 25.000 Dollar realisiert hat, konnte letztlich keine diese Arbeit einlösen. Was »In the Company of Men« so außergewöhnlich macht, ist, dass der Film seine Wurzeln im Theater nie verleugnet. Die Selbstverständlichkeit, mit der LaBute schon bei diesem Film Dialoge und nicht vordergründig Handlung in Szene setzt, wie er das Gesprochene akzentuiert und so Figuren erschafft und durch ihre Worte entlarvt, hat etwas Revolutionäres.
Es ist unmöglich, sich der Macht, die LaButes Dialoge entwickeln, zu entziehen. Genau darin liegt große Kunst seiner wahrhaft unabhängigen Filme. Man mag von den Worten und Taten seiner Figuren geschockt sein, vielleicht sogar angewidert. Aber man kann sie und das, was sich in ihnen offenbart, nicht ignorieren. LaBute ist zwar nicht der einzige US-amerikanische Dramatiker, der zum Filmemacher und zum Regisseur seiner eigenen Stück geworden ist. Aber anders als David Mamet hat er einen ganz eigenen Stil und eine ganz eigene Ästhetik entwickelt, die die theatralen Qualitäten seiner Drehbücher und Dialoge bewahren und dochganz und gar filmisch sind. LaBute ist durch und durch ein Autoren-Filmer, der in jederEinstellung und jeder Szene seiner Filme den Dialogen ein Gewicht und einen Raum gibt, in dem neben dem, was ausgesprochen wird, immer auch das Unausgesprochene, das, was die Worte verdecken und verleugnen, mit Macht nachhallt.
In seiner in der New York Times erschienen Kritik zur Uraufführung von Neil LaButes »The Answer to Everything« beschreibt der Kulturjournalist A.J. Goldmann das Stück als eine »über 100 Minuten tickende Zeitbombe«. Treffender lässt sich LaButes künstlerische Handschrift kaum charakterisieren. Schon seine beiden ersten Filme provozierten den Eindruck, dass direkt unter ihrer Oberfläche etwas Bedrohliches, Explosives, schwelt. Seither hat er seine Kunst der Andeutung, die eine Atmosphäre von nahendem Unheil und sich jeden Moment bahnbrechender Brutalität heraufbeschwört, geradezu perfektioniert. In seinem von August Strindberg inspirierten Beziehungsdrama »Some Velvet Morning« (2013) haben selbst ganz alltägliche Bemerkungen seiner beiden Figuren, des Call Girls Velvet und ihres früheren Geliebten Fred, einen drohenden Unterton. In jeder noch so beiläufigen Äußerung schwingen verletzte Gefühle, Zorn und eine Andeutung von Gewalt mit. Das gilt besonders für Fred, dessen ganzes Auftreten von einer passiven Aggression zeugt, die nurauf eine Gelegenheit wartet, in körperliche Aggression umzuschlagen.
Aber es sind längst nicht nur die Dialoge, in denen etwas Gewalttätiges mitschwingt. Auch die Art in der Neil LaBute die Räume inszeniert, in denen sich seine Figuren bewegen, hat etwas Bedrohliches. Filme wie »Some Velvet Morning«, »House of Darkness« (2022) und nun »Murderous« (2025) sind ohne Frage Kammerspiele. Aber sie geben diesem Begriff eine neue Bedeutung. Aus der räumlichen Enge, die LaBute überaus geschickt nutzt, erwächst ein Druck, der allem, was nicht gesagt und ausgesprochen wird, noch mehr Bedeutung verleiht. Es ist nur konsequent, dass er sich mit diesen Filmen immer wieder neuen Genres angenähert hat und sie in seinem Sinne nutzt, um seine Figuren unter einBrennglas zu legen und so die destruktiven Seiten der menschlichen Natur zu analysieren.
In the Company of Men
Neil LaBute | USA 97
»In the Company of Men«, Neil LaButes für gerade einmal 25.000 Dollar realisiertesRegiedebüt, ist wahrscheinlich einer der radikalsten und kompromisslostesten Independent Filme der 1990er Jahre. Eine schonungslosere Darstellung toxischen männlichen Denkens und Verhaltens ist kaum vorstellbar. Chad und Howard, zwei ganz und gar durchschnittliche Männer in grauen Flanellanzügen, kommen für sechs Wochen in eine fremde Stadt. Sie sollen dort ein Projekt für ihre Bosse durchziehen. Der von Aaron Eckhart gespielte Chad schlägt seinem Kollegen noch ein weiteres privates Projekt vor. Sie suchen nach einer einsamen Frau, die sie beide getrennt voneinander verführen und dann am Ende der sechs Wochen fallen lassen. So wollen sie sich für all das rächen, was ihnen Frauen vermeintlich angetan haben. LaBute porträtiert die Niedertracht und Grausamkeit seiner beiden gehobenen Angestellten mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass sein Debüt oft als zynisch und frauenfeindlich missverstanden wurde. Nur bezieht er in keiner Weise Stellung. Sein Film gleicht fast schon einem soziologischen Experiment, das einen zwingt, offenen Auges in den Abgrund menschlicher Verhaltensmuster zu blicken.
Your Friends & Neighbors
Neil LaBute | USA 98
Es gibt Komödien, bei denen plötzlich etwas kippt und einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Und dann gibt es Komödien, deren Humor ist derart schwarz und bitter, dass man gar erst auf die Idee kommt, überhaupt zu lachen. »Your Friends & Neighbors« fällt ohne Frage in diese zweite und überaus seltene Kategorie. Neil LaBute bezeichnet seinen zweiten Spielfilm selbst als »ein modernes unmoralisches Lehrstück« und spielt damit direkt auf das Genre der Moralitäten an. Seine Erzählung über drei College-Freunde, die in einer seltsamen Hassfreundschaft miteinander verbunden sind, und drei Frauen in ihrem Leben hat natürlich nichts von einem Lehrstück. Es gibt keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. Nichts weist dem Publikum den richtigen Weg. LaBute konfrontiert einen einfach nur mit den zerstörerischen Seiten menschlicher Beziehungen. Keine der sechs Figuren ist unschuldig. Sie alle sind für ihr Unglück und das der anderen verantwortlich und zugleich doch auch Opfer der Situation. So gelingt LaBute und seinem Ensemble ein grandioses Kunststück, man erkennt sich in diesen Figuren wieder und fühlt mit ihnen mit, obwohl ihr Verhalten und ihre Entscheidungen einen entsetzen.
Nurse Betty
Neil LaBute | USA 00
Die bittersüße Komödie »Nurse Betty« nimmt eine Sonderstellung im Werk Neil LaButes ein. Sie ist eine seiner seltenen Regiearbeiten, zu denen er nicht selbst das Drehbuch geschrieben hat. Und doch fügt sie sich als eine Art hoffnungsvoller Gegenentwurf zu seinen meist tiefschwarzen Erkundungen des menschlichen Seins perfekt in sein Œuvre ein. Dabei gibt ihm auch diese Geschichte um eine von Renée Zellweger gespielte Hausfrau und Kellnerin, die mitansieht, wie ihr Ehemann von zwei Profikillern ermordet wird, und daraufhin in eine Traumwelt flüchtet, reichlich Gelegenheiten, toxische Beziehungen zu porträtieren. Auch der sarkastische Humor, mit dem die Drehbuchautoren John C. Richards und James Flamberg die Welt der fiktiven Daily Soap »A Reason to Love«, in der Betty ihr Glück sucht, porträtieren, kommt LaBute entgegen. Immer wieder verknüpft er Szenen aus »A Reason to Love« mit Bildern von Menschen wie Betty, die sich mit den Figuren auf dem Fernsehbildschirm identifizieren. Natürlich werden sie von den Machern der Serie ausgebeutet und betrogen. Aber von Bettys Sehnsucht nach einer Welt, in der es wirklich einen Grund zu lieben gibt, geht eine geradezu revolutionäre Kraft aus.
Some Velvet Morning
Neil LaBute | USA 13
Vor vier Jahren hat Fred seine damalige Geliebte Velvet verlassen. Nun steht er plötzlich mit mehreren Koffern und Taschen vor ihrer Tür. Sie hat mit dieser Episode ihres Lebens längst abgeschlossen. Dennoch öffnet sie Tür und lässt ihn in ihr Haus. Damit beginnt ein so seltsames wie verstörendes Katz-und-Maus-Spiel, ein Kampf der Geschlechter, der mit Worten ausgetragen wird, aber jederzeit auch in physische Gewalt münden kann. Mit »Some Velvet Morning« hat Neil LeBute ein klassisches, an einige Stücke von August Strindberg erinnerndes Kammerspiel geschaffen, in dem der Druck von Wortwechsel zu Wortwechsel mehr und mehr steigt, bis eine Explosion unvermeidlich erscheint. Dabei geht von dem Alice Eves und Stanley Tuccis intensivem Spiel ein unwiderstehlicher Sog aus. In jedem ihrer Dialoge schwingt so viel Unausgesprochenes und Angedeutetes mit, dass einem schwindelig werden kann. Sie ziehen einen immer tiefer in ihre offensichtlich ungesunde und unterschwellig von Hass und Verachtung erfüllte Beziehung hinein, bis sich alles in einer bizarren Schlusswendung auflöst. Doch gerade dieses vermeintliche happy ending wirft Fragen auf, die einen nicht mehr loslassen.
House of Darkness
Neil LaBute | USA 22
Mina und Hap haben sich zufällig in einer Bar kennengelernt. Nun sitzen gemeinsam vor einem großen Kamin in einer riesigen, fast schon an eine Burg erinnernden Villa, die Minas Familie gehört. Der von Justin Long gespielte Hap kann sein Glück noch gar nicht richtig fassen und gibt sich doch schon erotischen Fantasien hin, die Kate Bosworths Mina noch weiter anfacht. In einem säuselnden Ton verkündet sie, dass er alles mit ihr machen könnte. Nur schwingt in diesen Worten noch etwas anderes mit. Es ist fast so, als würde sie ihn herausfordern, es zu versuchen. In diesem Moment, der einfach ein Flirt sein könnte, liegt wie so oft in Neil LaButes Filmen etwas Doppelbödiges und Abgründiges. Wie kaum ein anderer Autor und Filmemacher versteht er es, durch unterschwellige Andeutungen in seinen Dialogen düstere Räume zu öffnen, in denen man sich mehr und mehr verliert. So auch in dieser überaus persönlichen Variation auf Vampirmythen, die er durch die Namen von zwei seiner Protagonistinnen auf ironische Weise mit Bram Stokers »Dracula« verknüpft. »House of Darkness« stellt die Konventionen des Horrorgenres quasi auf den Kopf und wendet sie gegen männliche Allmachtsfantasien.