Tribute Andrea Rau

Die unwiderstehliche Leichtigkeit des Seins

Der belgische Filmemacher Harry Kümel, dessen „Daughters of Darkness“ als einer Schlüsselfilme der siebziger Jahre gilt, sagte über sie: „Es war eine wahre Freude war, mit ihr zu arbeiten. Ihr Charisma war das eines Super-Filmstars. Auch die große Schauspielerin Delphine Seyrig, die es wissen musste, hielt sie für eine Sensation auf der Leinwand.“

Die Rede ist von Andrea Rau, die in Kümels lesbischem Vampirdrama die Zofe der Gräfin Bathory spielt und mit ihrer devot mysteriösen Erscheinung, ihrem strengen Bubikopf gleichsam unendlich viel Erotik und Melancholie ausstrahlt, dass ihre schiere Präsenz die einer Leinwandgöttin war. Im deutschen Kino hat es vor allem Ulrich Schamoni verstanden, diese unwiderstehliche Mischung aus Unbekümmertheit und Erotik in seinen Filmen strahlen zu lassen. Ihr erster Film, Schamonis Berliner Anarchokomödie um den Aufeinanderprall alter bundesrepublikanischen Werte auf das antibürgerliche Kreuzberger Aussteiger-Millieu in den ausklingenden 60ern, machte sie schnell zur Ikone der sexuellen Revolution. Die Lässigkeit, mit der sie die Betten der vier Insterburgs & Co wechselte, hatte so viel Nonchalance, dass sie den Zeitgeist mitten ins Herz traf. Nie war sie Geliebte, immer die Liebende.

 

A Star was Born – viel unbekümmerter und erotischer als das „Schätzchen der Nation“ Uschi Glas, die den Hauch des bürgerlichen nie ganz abstreifen konnte. Eine Anna Karina, der nur noch der Belmondo an ihrer Seite fehlte. Nie Femme Fatale, immer nouvelle vague.

 

Aber wie für Ulrich Schamoni war auch für Andrea Rau die bundesdeutsche Filmlandschaft weit davon entfernt, ihrem Potential gerecht zu werden. Das heimische Kino konnte einfach seine Fesseln nicht abstreifen, viel zu sehr geerdet zwischen den immer mehr im thesenhaften erstarrten Neuen Deutschen Film und einer Unterhaltungsmaschine, die sich nach dem Riesenerfolg von Oswald Kolles Aufklärungsfilmen und unter dem Deckmantel der sexuellen Revolution auf die Millionenumsätze einer Unzahl von Sexkomödien verlegte.

 

Bis sie 1971 wieder mit Ulrich Schamoni die bis heute viel zu unbekannte Sternstunde des deutschen Films namens „Eins“ drehte, hatte Andrea Rau gut zehn dieser erotischen Komödien gedreht und wurde in der Rudi Carrell Show auch im TV zum Superstar familientauglicher Sinnlichkeit.

 

„Eins“ war Schamonis Trotzreaktion auf das starre System der Filmförderung, die ihm Mittel versagte, weil er wie bei seinen bisherigen Filmen ohne Drehbuch, sondern nur auf einigen Ideenskizzen basierend den Film drehen wollte. Also fuhr er ohne Budget, nur mit Freunden und einem alten Mercedes nach Südfrankreich und machte alles von Tag „Eins“ an zum Teil des Films. Und Andrea Rau, die inzwischen ein vielbeschäftigter Star war, wurde als einzige ganz adäquat wie ein Star an den Set geholt und gleichzeitig, quasi von ihrem Tag „Eins“ in die Geschichte eingeführt, die so herrlich zwischen Dokumentarischem und Improvisationsspiel oszillierte. Ihre Ankunft am Flughafen, die Begrüßung und ihre Beziehung zu Schamonis Figur des Jungkapitalisten erzählt Schamoni so doppeldeutig wie den ganzen Film. Andrea Rau ist ein Star und sie betritt den Film als Star, nur um dann ganz frei wieder die Andrea Rau zu sein, die sich nach Spontaneität, Leichtigkeit und dem Kameraauge sehnt, das sie so sieht und zeigt, wie sie wirklich ist. Eine kluge, schöne Darstellerin, deren schiere Präsenz die Leinwand flirren lässt. Nie Femme Fatale, immer nouvelle vague.

 

Vom Beginn ihrer Karriere, einer Tanzausbildung unter dem großen britischen Choreographen John Cranko, einer Modelkarriere, die sie als Covergirl des legendären Satiremagazins „Pardon“ 1968 ebenso berühmt machte, wie sie ihrer Präsenz dem „Pardon“ innerhalb weniger Monate zu einer explosionsartigen Auflagensteigerung verhalf, Andrea Rau war das Gesicht und der schöne Körper der sexuellen Revolution. Fluch und Segen in einem Land, dass sich in den Zeiten des Umbruchs verlor, bevor es sich neu wiederfinden konnte. Bewundernd, aber auch fast unbeholfen versuchte der Spiegel 1968 in seiner Kritik zu „Quartett im Bett“ einen neuen Star des deutschen Films der so anders war als alle zuvor, zu beschreiben: „ein vorbildlich geformtes Menschenkind“.

 

Im Ausland, wen soll es überraschen, fand sie in den 70er Jahren in zwei außergewöhnlichen Filmen die Anerkennung, aus der heraus sie neben den Stars des europäischen Kinos einen uvergeßlichen Eindruck hinterließ. 1974 war sie neben David Hemmings und Alida Valli in José María Fourqués faszinierenden Exploitationdrama „It‘s Nothing Mama just a Game“ eine starke Frau, die ihre Erotik zwischen Unterwerfung und Dominanz so intensiv ausspielte, das die von David Hemmings gespielte Hauptfigur an seinem Machismo zerbricht. Schon drei Jahre zuvor hat sie als Zofe Ilona neben der Göttin der französischen Nouvelle Vague, Delphine Seyrig, in Harry Kümels „Daughters of Darkness“ ein Highlight des europäischen Kinos mitgeprägt. Ihre sanfte und geheimnisvolle Ausstrahlung voller Erotik und Melancholie, die, wie Harry Kümel sich gerne erinnert, die große Seyrig zu der Überzeugung brachte, Andrea Rau sei eine Sensation auf der Leinwand.