Tribute Zoë Bell
Die Königin des kinetischen Kinos
Während sich Zoë Bell auf dem Set von »Xena: Warrior Princess« auf ihren nächsten Einsatz als Lucy Lawless‘ Stuntdouble vorbereitet, sieht sie dabei zu, wie Lawless gerade eine ihrer Szenen absolviert. Für einen kurzen Augenblick wendet sie sich direkt der Kamera zu, die sie in diesem Moment für Amanda Michelis Dokumentarfilm »Double Dare« (2004) begleitet, und scherzt: »It’s my acting double.« Diese kleine, mit einem schalkhaften Lächeln hingeworfene Bemerkung lässt einen nicht mehr los. Sie setzt sich in einem fest. Denn letztlich wirft sie ganz grundsätzliche Fragen nach dem Wesen des Kinos auf und danach, was wir wahrnehmen und für selbstverständlich halten und was sich im Gegensatz dazu unseren Blicken auf die Leinwand oder den Bildschirm entzieht.
Stuntfrauen und -Männer sind die großen Unsichtbaren des Kinos. Sie verschwinden hinter den Stars, die sie doubeln. Das müssen sie auch, das ist ihr Job oder zumindest ein entscheidender Teil von ihm. Schließlich soll die Illusion gewahrt bleiben, dass die Kämpfe und Verfolgungsjagden, die Stürze und Crashs, in dem Moment, in dem wir sie sehen, real sind. Also dürfen wir nicht sehen, dass es Zoë Bell und nicht Lucy Lawless ist, die in einem brennenden Kostüm durch die Szene fliegt. Dennoch offenbart sich in Bells Scherz eine tiefere Wahrheit.
Natürlich ist Bell Lawless‘ Stuntdouble, aber Lawless ist eben auch ihr »acting double«. Ohne ihre enorme physische Präsenz in den Actionszenen von »Xena: Warrior Princess« wären die letzten drei Staffeln der neuseeländischen Kultserie nicht das gewesen, was sie sind. Und das gilt genauso für Quentin Tarantinos »Kill Bill« (2003) und all die anderen Filme, an denen Bell als Stunt Double beteiligt ist. Kino und Fernsehen sind eben nicht nur Schauspiel. Von der rein physischen Seite der Filme und Serien geht eine ebenso große Faszination und Wirkung aus, in manchen Genres sogar eine größere. In Zoë Bells Karriere sind diese beiden Seiten, die offen sichtbare und die unsichtbar bleibende, eins geworden. Seit ihrem spektakulären Auftritt in Quentin Tarantinos »Death Proof« (2007) arbeitet sie als Schauspielerin und als Stuntdouble, als Produzentin und Stunt-Koordinatorin.
Natürlich ist es Quentin Tarantino, der die 1978 auf der neuseeländischen Insel Waiheke geborene Bell zu einem Star gemacht hat. Aber es sind die kleinen B-Filme und Direct-to-Video-Produktionen, die sie seit ihrem Durchbruch mit »Death Proof« gedreht hat, in denen die Traditionen des von Tarantino gefeierten und zitierten Genre- und Exploitation-Kinos vergangener Jahrzehnte zu neuem Leben erwachen. Anders als »Django Unchained« (2012), »The Hatefull 8« (2015) und zuletzt »Once Upon a Time In… Hollywood« (2019), bei dem Bell auch als Stuntkoordinatorin tätig war, werden Filme wie Paul Etheredges »Angel of Death« (2009), Christopher Rays »Mercenaries« (2014) und beiden von Josh C. Waller gedrehten Actioner »Raze« (2013) und »Camino« (2015) keine Kinogeschichte schreiben.
In diesen meist mit einem geringen Budget realisierten, sich nicht um guten Geschmack oder so etwas wie politische Korrektheit scherenden Genrearbeiten lebt der anarchische und subversive Geist weiter, den der Film als einstiges Jahrmarktsspektakel lange Zeit ganz selbstverständlich verströmt. Die großen Hollywood-Studios haben dem Kino diesen Geist mit ihren immer teureren Blockbuster-Produktionen allerdings weitgehend ausgetrieben. So geht von Zoë Bells Auftritten in diesen Filmen wie auch von ihnen selbst immer etwas Widerständiges aus, eine Rebellion gegen nur am Markt orientierte Konventionen. Bell ist nicht nur die Königin des kinetischen Kinos, die ihren Actionszenen eine fast schon poetische Dimension verleiht. Sie ist auch die Königin eines wilden und wüsten Kinos, das nur noch in kleinen Nischen existiert.
Die von Bell in »Angel of Death« verkörperte Profikillerin Eve könnte wie die rebellische Soldatin Cassandra Clay in »Mercenaries« oder die wieder und wieder um ihr Leben kämpfende Sabrina in »Raze« ein Klischee sein. Zumindest sind sie alle klassische Genrefiguren, wie man sie aus unzähligen Action- und Horrorfilmen kennt. Zoë Bell gewinnt diesen Charakteren jedoch neue Facetten ab. Eve, Cassandra und Sabrina sind alle auf ihre Weise Engel des Todes. Die Welten, in denen sie sich bewegen, zwingen ihnen die Rolle der unbarmherzigen Kämpferin auf. Nur so können sie überleben. Aber in Bells Spiel scheint immer noch etwas anderes auf, eine nicht zu unterdrückende Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Es geht eben nicht nur ums Überleben. Sie kämpft immer auch für eine fairere Welt, auf der Leinwand und jenseits von ihr.
DOUBLE DARE
Amanda Micheli | USA 04
Jeannie Epper gehört einer legendären Dynastie von Stuntfrauen und -Männern an und hat sich mit ihrer Arbeit in Serien wie »Wonder Woman« und zahllosen Filmen einen eigenen Platz Geschichte Hollywoods erobert. Einen Platz, der lange Zeit kaum beachtet wurde. Gegen diese Unsichtbarkeit, vor allem der Frauen in diesem Arbeitsfeld, hat sie fortwährendangekämpft und so den Weg für jüngere Stuntfrauen wie Zoë Bell geebnet. Davon zeugt auf eindringliche Weise Amanda Michelis Dokumentarfilm »Double Dare«. Dieses Doppelporträt von Bell und Epper, die in den frühen 2000er Jahren für die aus Neuseeland stammende Bell zur Mentorin in Los Angeles geworden ist, erzählt eindringlich von den Herausforderungen und Strapazen des Stunt-Business‘. Aufnahmen von den Dreharbeiten zu der Serie »Xena: Warrior Princess«, in der Bell über mehrere Staffeln das Stuntdouble von Lucy Lawless war, und zu Quentin Tarantinos »Kill Bill«, Bells Durchbruch in Hollywood, gewähren einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen. Aber es sind die Momente, in denen Michelis überaus einfühlsam die Solidarität unter den Stuntfrauen einfängt, die »Double Dare« zu einem unschätzbaren Dokument der Filmgeschichte machen.
DEATH PROOF
Quentin Tatantino | USA 07
Es gibt sie diese unvergesslichen Filmszenen. Hat man sie einmal gesehen, begleiten sie einen fortan für immer. Einer dieser ganz besonderen Filmmomente ist die große Verfolgungsjagd in Quentin Tarantinos »Death Proof«. Die Stuntfrau Zoë Bell, die sich in dieser Hommage an amerikanische Muscle Cars wie an Action- und Exploitation-Filme der 1960er und 70er Jahre selbst spielt, liegt auf der Motorhaube eines 1970er Dodge Challengers, während der von Kurt Russell gespielte »Stuntman Mike« versucht, sie und ihre Freundinnen von der Straße zu drängen. So verbeugt sich Tarantino vor allen legendären ›car chases‹ einer untergegangen Kinoepoche und setzt Zoë Bell und allen Stuntfrauen und -Männern ein Denkmal. Bell ist ihr eigenes Double, während Metall auf Metall kracht, und mit jedem weiteren Zusammenprall stockt einem der Atem etwas länger. Aber es ist nicht nur diese Sequenz, die Tarantinos filmische Liebeserklärung an das wilde und dreckige Kino vergangener Zeiten so außergewöhnlich macht. Die Umkehr der Machtverhältnisse zwischen Kurt Russells Soziopathen und seinen vermeintlichen Opfern wirkt heute fast prophetisch, ein früher vernichtender Kommentar zu den misogynen Fantasien der Manosphere.
ANGEL OF DEATH
Paul Etheredge | USA 09
Ed Brubaker hat das Drehbuch zu »Angel of Death« von Anfang an für Zoë Bell konzipiert und geschrieben. Und das ist wirklich in jeder Szene und jedem Augenblick, in dem sie auf der Leinwand präsent ist, zu spüren. Die von ihr verkörperte Profikillerin Eve ist nicht nur eine typische Genrefigur, wie wir sie aus unzähligen Filmen und Serien kennen. Sie strahlt eine ganz eigene Kraft aus, die sich natürlich vor allem in den Actionszenen offenbart, in denen Bell sich eben nicht doubeln lässt. Aber da ist noch etwas anderes, eine faszinierende Unschuld und Verletzlichkeit, wie sie nur Bell mitbringt. Wie in vielen seiner legendären Graphic Novels hat Ed Brubaker für diesen vermeintlich kleinen, mit einem begrenzten Budget gedrehten Actionfilm eine wunderbar stilisierte Noir-Welt erschaffen. Nach einem Job, der komplett aus dem Ruder gelaufen ist, wird Eve von den Gespenstern ihrer Vergangenheit eingeholt. Die Erinnerung an eine Teenagerin, die erschossen hat, bringt alles hervor, was sie bis dahin verdrängt hat. Aus der eiskalten Killerin wird eine unerbittliche und doch mitfühlende Kämpferin für Gerechtigkeit in einer Welt, in der Ehre und Menschlichkeit eigentlich keinen Platz haben.
ONCE UPON A TIME IN...HOLLYWOOD
Quentin Tarantino | USA 19
»Es war einmal in… Hollywood«, das ist ein Versprechen. Ein Märchen aus der Fabrik der Träume über die schillerndste Traumfabrik der Welt. Nur steckt die im Jahr 1969 in der Krise. Also schreibt Quentin Tarantino die Geschichte wie schon in »Inglorious Basterds« einfach um. Der von Leonardo DiCaprio gespielte Rick Dalton war einmal ein Star. Doch das istlange her. Vielmehr als seine Freundschaft mit Brad Pitts Cliff Booth, seinem einstigen Stunt-Double, ist ihm nicht geblieben. Eine Hoffnung jenseits einiger Auftritte in Italo-Western gibt es jedoch für ihn. In die Villa neben seiner sind Sharon Tate und Roman Polanski eingezogen. Eine zufällige Begegnung könnte alles ändern. Aber zunächst treffen Booth und Dalton auf einige Mitglieder der Manson Family. Eine Reihe grandioser Set Pieces, in denen sich die Zerrissenheit der späten 1960er Jahre und eine kaum verhohlene gesellschaftliche Aggressivität in eindrucksvollen Dialogen spiegeln, gipfelt in einer atemberaubenden Sequenz, die die grausame Wirklichkeit in einem märchenhaften Ende auflöst. Ein vielleicht letzter Sieg der Traumfabrik, deren weltverändernden Zauber und Glamour Tarantino wie kaum ein anderer Filmemacher beschwört.